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Sakya-Nairātmyā-Thangka – Kha’u-pa/Tsar-Lamdré, vor 1748

Neu bewertete tibetische Nairātmyā-Lineage-Thangka: Sakya, erste Hälfte des 18. Jahrhunderts, vor 1748. Die Inschrift verweist auf die Kha’u-pa / Tsar (Tsharpa) Übertragung des Lamdré; untersucht von Christian Luczanits und Jörg Heimbel.
Gemalter Thangka mit blauer Zentralfigur und umgebenden Szenen

Neue Einordnung: Sakya, Kha’u-pa/Tsar und eine Datierung vor 1748

Die kunsthistorische Einordnung dieser tibetischen Nairātmyā-Thangka hat sich durch die erneute Auswertung der Inschriften und durch unabhängige fachliche Stellungnahmen grundlegend verändert. Die frühere Arbeitshypothese einer Entstehung im 15. Jahrhundert innerhalb der frühen Ngor-Tradition wird nicht mehr vertreten.

Die heute am besten begründete Einordnung lautet: Sakya-Tradition, erste Hälfte des 18. Jahrhunderts, vor 1748. Die rückseitige Inschrift benennt außerdem eine Übertragung der Kha’u-pa-Linie, die innerhalb der Sakya-Lamdré-Tradition mit der Tsar- beziehungsweise Tsharpa-Tradition verbunden ist.

Zu dieser Neubewertung trugen insbesondere die Untersuchungen von Christian Luczanits und Jörg Heimbel bei. Beide kamen unabhängig voneinander zu Ergebnissen, die den historischen Rahmen deutlich enger fassen als die ursprüngliche Zuschreibung.

Sakya Nairatmya Thangka, Tibet, erste Hälfte 18. Jahrhundert

Nairātmyā als Zentrum des Bildprogramms

Im Zentrum erscheint die blaue Nairātmyā (tib. bdag med ma), eine zentrale tantrische Gottheit der Hevajra- und Lamdré-Überlieferung. Sie hält ein gebogenes Messer und eine Schädelschale; der tantrische Stab liegt an ihrem Körper.

Christian Luczanits bestätigte die Identifikation der Hauptgottheit. Gleichzeitig machte er bereits in seiner ersten Stellungnahme darauf aufmerksam, dass bestimmte Begleitfiguren – insbesondere Hayagrīva und Siṃhamukhā – nicht gut zu einer frühen Ngor-Datierung passen.

Historische Lehrer und eine unvollständige Übertragungslinie

Mehrere menschliche Nebenfiguren lassen sich anhand ihrer goldenen Beischriften identifizieren. Dazu gehören Pakpa Lodrö Gyeltsen (1235–1280), Nyenchen Sönam Tenpa (1222–1317) und Zhangtön Könchokpel.

Entscheidend ist jedoch nicht allein die Identität einzelner Meister, sondern die Struktur des gesamten Programms. Die dargestellte Linie ist unvollständig. Gerade diese Lücke führte Luczanits und Heimbel unabhängig voneinander zu der Annahme, dass die Thangka ursprünglich Teil eines mehrteiligen Sets war.

Eine vorausgehende Malerei könnte Vajradhara und die frühesten Siddhas gezeigt haben. Das vorliegende Werk mit Nairātmyā wäre dann ein frühes Glied dieser Serie; eine weitere Thangka könnte Virūpa und spätere Übertragungsträger enthalten haben.

Die Rückseite als historische Quelle

Die Rückseite ist für die heutige Datierung mindestens ebenso wichtig wie die Malerei selbst. Neben Weiheformeln und rituellen Silben befindet sich eine ausführliche Widmungsinschrift in elegantem tibetischem Schriftduktus.

Sie enthält allgemeine Wünsche für das Gedeihen der Lehre, der Stifter und der monastischen Gemeinschaft. Danach wird die dargestellte Übertragung genauer bestimmt. Der Text spricht von einer gemalten Lehrerlinie der Lamdré-Unterweisungen der Kha’u-pa-Tradition.

Kha’u-pa: ein Schlüssel zur Tsharpa-Überlieferung

Die Bezeichnung Kha’u-pa ist für die Einordnung des Werkes zentral. Sie verweist in diesem Zusammenhang nicht auf die frühe Ngor-Linie, sondern auf eine spezifische Überlieferung innerhalb der Sakya-Schule, die mit der Tsar/Tsharpa-Tradition der esoterischen Lamdré-Erklärung verbunden ist.

Heimbel stellte den Bezug zu Kha’u Drakdzong und zur Übertragung über Künpang Doringpa heraus. Luczanits gelangte bei seiner Auswertung der Inschrift zu derselben grundsätzlichen Einordnung. Damit lässt sich die religiöse Zugehörigkeit des Werkes heute wesentlich präziser fassen.

Dzödzin Gyaltsen Rinchen und die Datierung vor 1748

Die wichtigste historische Person in der Widmungsinschrift ist Dzödzin Gyaltsen Rinchen (mdzod ’dzin rgyal mtshan rin chen).

Dzödzin bezeichnet keinen Linienhalter, sondern ein hohes administratives Amt, sinngemäß einen Schatzmeister oder Verwalter innerhalb einer klösterlichen Institution.

Jörg Heimbel konnte einen Dzödzin Gyaltsen Rinchen in der Autobiographie von Dakchen Ngawang Künga Lodrö (1729–1783), dem 31. Sakya-Thronhalter, nachweisen. Die betreffende Person wird in Zusammenhang mit den Jahren 1740, 1745 und 1748 genannt.

Auch Christian Luczanits identifizierte in der Sakya-Lamdré-Textsammlung einen Treasurer Gyaltsen Rinchen aus derselben historischen Umgebung. Nach dieser Quelle starb er 1748.

Da die Inschrift die Herstellung der Malerei mit seinem Auftrag verbindet, ergibt sich ein starker terminus ante quem: Das Werk entstand mit hoher Wahrscheinlichkeit vor 1748 und gehört damit sicher in die erste Hälfte des 18. Jahrhunderts.

Institutioneller Auftrag statt privater Andachtsmalerei

Die Verbindung eines hochrangigen monastischen Verwalters mit der außergewöhnlich sorgfältig ausgeführten Inschrift spricht für einen institutionellen Auftrag. Luczanits betonte ausdrücklich, dass Amt und Schriftqualität auf einen solchen klösterlichen Kontext hinweisen.

Die Thangka ist daher nicht nur als religiöses Bild, sondern als dokumentiertes Objekt einer organisierten Sakya-Überlieferung zu verstehen.

Der Maler Kunjam Rimo

Die Inschrift nennt den Maler als Kunjam Rimo (kun ’jam ri mo). Nach dem derzeitigen Forschungsstand ist dieser Name nicht aus anderen bekannten Werken gesichert. Gerade dadurch gewinnt die Nennung auf dem Objekt besondere Bedeutung.

Rituelle Weiheinschriften

Auf der Rückseite befinden sich außerdem rituelle Silben und Weiheinschriften, die mit den Figuren auf der Vorderseite korrespondieren. Sie zeigen, dass das Werk als konsekriertes Vajrayāna-Objekt gedacht war. Vorder- und Rückseite bilden deshalb eine Einheit aus Bild, Text, Übertragung und Ritual.

Rueckseite der Sakya Nairatmya Thangka mit tibetischer Widmungsinschrift

Die Beiträge von Christian Luczanits und Jörg Heimbel

Christian Luczanits untersuchte Malerei, Ikonographie, Beschriftungen und Übertragungsstruktur. Seine abschließende Einordnung lautet klar: Sakya, erste Hälfte des 18. Jahrhunderts, mit einer Datierung vor 1748. Er ordnet die Kha’u-pa-Nennung der Tsar/Tsharpa-Überlieferung zu und hält das Werk wahrscheinlich für Teil einer größeren Serie.

Jörg Heimbel untersuchte insbesondere die historischen Textquellen zu Dzödzin Gyaltsen Rinchen und die Kha’u-pa-Verbindung. Seine vorläufigen Hinweise werden hier mit seiner Zustimmung ausschließlich sinngemäß wiedergegeben und nicht wörtlich zitiert.

Warum die alte Ngor-Datierung aufgegeben wurde

  • Die Inschrift bezeichnet die Kha’u-pa/Tsar-Tsharpa-Übertragung, nicht eine frühe Ngor-Linie.
  • Dzödzin Gyaltsen Rinchen lässt sich in Quellen der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts verorten.
  • Sein Tod 1748 liefert eine starke obere Datierungsgrenze.
  • Teile der Ikonographie widersprechen einer frühen Datierung ins 15. Jahrhundert.
  • Die unvollständige Meisterfolge spricht für ein mehrteiliges späteres Lineage-Set.

Aktuelle Zuschreibung

Tibet, Sakya-Tradition, wahrscheinlich institutioneller Kontext in Tsang; erste Hälfte des 18. Jahrhunderts, vor 1748. Nairātmyā-Lineage-Thangka der Kha’u-pa / Tsar (Tsharpa) Übertragung des Sakya Lamdré. Auftrag verbunden mit Treasurer/Dzödzin Gyaltsen Rinchen; Maler in der Inschrift als Kunjam Rimo genannt. Wahrscheinlich Teil eines größeren Lineage-Sets.

Diese Zuschreibung basiert auf der gemeinsamen Auswertung von Bildprogramm, Inschriften, historischen Quellen und unabhängiger fachlicher Begutachtung.

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